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In Nürnberg gibt es nicht nur Lebkuchen …

28.01.2018, 08:11 Uhr

Heute geht es los: Ich hatte lange gezögert, doch am Ende hab ich mich zusammengerissen und die Fahrkarten gebucht. Wohin? Soviel sei an dieser Stelle schon verraten:

Dahin wo nur die ganz Harten ihren Mageninhalt bei sich behalten können.

 

Und jetzt sitze ich tatsächlich im ICE882 Richtung Nürnberg und bin auf einer Skala von 1-10 etwa 2 aufgeregt. Und irgendwie eher aufgrund der Tatsache, dass die Bahn nur etwa 15 Minuten Puffer hat, um brennende Büsche oder Selbstmörder von den Gleisen zu räumen, als aufgrund dessen, gleich eine echte Leiche zu sehen. Wohlgemerkt. Es hat etwa 10 Grad Außentemperatur, deswegen nur 15 Minuten für den Fall, dass eine Oberleitung eingeeist sein sollte. Wäre es kälter: Naja, wäre ich wohl doch zu Hause geblieben.

 

So gab es also keine Ausrede für mich, heute doch halb 7 aufzustehen (nachdem ich mich dann doch ca. 1,5h der Nacht hilflos hin- und her gewälzt hatte). Mein Essen hab ich gepackt, der Rucksack ist so schwer, als würde ich an den Nordpol reisen. Aber der Ingwertee für eventuelle Übelkeit musste mit. Irgendwie hab ich aber den Verdacht, dass ich die Wraps, Smoothies und Brötchen nebst Paprika und Apfel nicht verzehrt bekomme, meinen Rucksack also eher wieder zurückschleppen werde.

 

Kaum fährt der Zug los, beginnen alle ihren Proviant aus Kaffeebechern und süßen Schnecken auszupacken. Solange keiner einen Döner rausholt, soll es mir recht sein. Ich dagegen schäme mich jetzt schon, meinen Plan umzusetzen: Möglichst früh essen, damit mein Magen entsprechend Zeit hat mit der Verdauung zu beginnen und mir nachher nur noch die Hälfte hochkommt. Denn obwohl ich momentan absolut nicht glaube, dass das passiert, rechne ich immer mit dem Schlimmsten.

 

Einen Platz hab ich nicht reserviert, aber dafür einen 4er-Platz mit Tisch ergattert, an dem mir zwei junge Frauen gegenübersitzen, die weder laut mit dem Handy telefonieren, noch Kinder stillen und alle daran teil haben lassen. Das muss mein Glückstag sein!

 

Gerade überfällt mich der Gedanke, nochmal die Zugnummer auf dem Ticket abzugleichen, aber sonst kann eigentlich nichts mehr schief gehen – wie gesagt außer einem Blizzard, der die Bahnweichen verstellt.

 

08:28 Uhr

Der Schaffner ist da: sehr sorgfältig, mit Kontrolle des Ausweises! Die Freude über die ruhigen Mitsitzerinnen ist zwar noch da, dafür scheint sich ein anderer Mitfahrer ein spannendes Fußballspiel auf dem Handy anzuschauen. Wie schön, dass er alle daran teilhaben lässt. Die Paprika hab ich inzwischen wieder weggesteckt, nachdem ich mir tadelnde Blicke meiner Mitsitzerinnen eingefangen habe. Dann hoff ich einfach, nicht zu verhungern, bis ich wieder legal etwas zu mir nehmen kann, möglichst außerhalb von Leichenschauhäusern.

 

08:32 Uhr

Fäkalgeruch, das mit dem Essen hat sich jetzt schon erledigt. Ich werde dem Ingwertee eine Chance geben.

09:15 Toilettenzeit, und dann sind wir auch fast da-die Aufregung steigt…

 

18:06 Uhr nun folgt ein Rückblick …

Pünktlich um 09:30 Uhr ist die Bahn in Nürnberg Hbf angekommen. Schnell war auch in dem überschaubar gefüllten Hbf die U3 gefunden und Viertel vor 10  bin ich am Klinikum Nord ausgestiegen. Denn es geht : In die Pathologie um an einer „Anatomischen Führung“.

 

An der Haltestelle stand bereits ein größerer Pulk von etwa 10 Frauen gemischten Alters. Es war etwas windiger als in München aber in Ordnung. Kurz nach 10 Uhr sind wir auch schon unserem Star des Tages entgegengelaufen. Herr Müller (Name geändert), sah aus wie der klassische Rechtsmediziner, vllt nicht ganz so groß wie beim Tatort. Aber in jedem Fall begrüßte er uns Gruppe von 16 Frauen und 1 Mann mit einem breiten Lächeln.

 

Wir sind direkt in die heilige Hallen geführt worden, wo wir unsere Sachen in Schränken, ähnlich der Schränke bei „Greys Anatomy“ geführt worden sind. Und dann gab es kein großes Federlesen: Rinn in die gute Stube. Die ist ja normalerweise warm, in diesem Fall aber gut gekühlt. Auf einmal war ich froh einen dicken Pulli und Schaltuch dabei zu haben.

Wir kamen in einen hellen weißen Raum mit Duschen an den beiden Ausgängen, die man über Schiebetüren stets geschlossen halten muss. Der Raum war steril, wirkte aber durch kleine blaue Mosaikkacheln dennoch irgendwie einladend. Außerdem gab es 6 Tische, wovon auf 3en bereits Plastiksäcke in Menschengröße lagen. Und – erstaunlicherweise- roch es überhaupt gar nicht unangenehm oder abstoßend. Eher nach Desinfektionsmittel, vllt ein wenig Formaldehyd. Für diese nahezu geruchsfreie Veranstaltung sorgt ein starkes Abluftsystem.

 

Nun bekamen wir eine kleine Einführung durch Herrn Müller. Zunächst wurde abgestimmt, welche Organteile wir anschauen wöllten, und dann begann er eine kleine Einführung. Dabei habe ich gleich gelernt, dass ich nicht in der „Pathologie“ bin, wie ich heute früh noch dachte, sondern im Fachbereich „Anatomie“. Diese beschäftigt sich mit dem Präparieren und Lernen am „nichtlebenden Objekt“. Hier geht es nicht um Krankheiten, sondern ausschließlich darum, den halbwegs gesunden menschlichen Organismus kennen zu lernen. Die „Pathologie“ dagegen beschäftigt sich eher, gemäß Namen, mit Krankheiten, die Rechtsmedizin mit unklare Todesursachen oder Straftaten, die richterlich angeordnet werden müssen.

 

Interessant zu wissen ist, dass zwar jeder Besucher, der an einer anatomischen Führung teilnimmt, einen Pauschalbetrag zahlt, der sich je nach Menge pro Kopf reduziert. Das wirklich Interessante dabei war aber, dass Besucher der Führung einen medizinischen Lehrhintergrund haben müssen.  Das können Ärzte, Arztschwestern, Medizinstudenten oder sonstiges medizinisches Personal sein, aber eben auch Heilpraktiker.

 

Herr Müller erklärte, uns dann noch, wie es dazu kommt, dass Menschen sich als Anschauungsobjekt zur Verfügung stellen. Näheres dazu kommt aber in einem separaten Beitrag. Durch den kleinen Vortrag konnten wir uns super erstmal an die Räumlichkeit gewöhnen und erst recht an den Gedanken, mit mehreren Toten im Raum zu sein. Herr Müllers Art war aber so locker, dass ich schnell vergaß, wo ich mich eigentlich befand.

 

Im Anschluss an die Einführung kam auch schon die erste Herausforderung: Den Kittel anziehen. Doch auch das war mit gegenseitiger Unterstützung schnell geschafft die nötigen zwei Schleifen zu binden und wir durften an das erste Präparat: einem menschlichen Schädel.

 

Ich war erstaunt, wie leicht sich dieses Gerüst aus Knochenplatten anfühlte und verlor schnell die Scheu davor es anzufassen. Herr Müller machte es uns wirklich leicht, und verlegte die mit Spannung erwartete Öffnung eines menschlichen Körpers auf den Nachmittag.

 

Die meisten hielten sich beim Mittagsessen mengenmäßig in der krankenhauseigenen Caféteria zurück, so hatten wir viel Gelegenheit uns über das Gesehene auszutauschen. Immerhin waren wir aus ganz Deutschland angereist, eine Kollegin kam sogar extra aus Griechenland!

 

Kaum im Präparationssaal wieder angekommen und in unsere Schutzkleidung gezwängt, scharten wir uns schon um einen der großen Edelstahltische. Hier zeigte sich, dass mehr als 10 Leute für ein Präparat nicht empfehlenswert sind. Wir wechselten uns aber fair miteinander ab und ich denke, diejenigen, die tiefe Einblicke haben wollten, bekamen ausreichend Gelegenheiten dafür. Übrigens: umgefallen ist übrigens auch niemand, uns scheint, wenn man den Berichten im Internet glauben schenken will, ein Ammenmärchen zu sein.

 

Unserem Anschauungsobjekt fehlten Arme und Beine für andere Präparationskurse. Er roch nicht, schließlich war er tiefgefroren gelagert worden.

Wir begannen mit der Lunge, und waren erstaunt, wie sehr sie sich von einem Modell unterscheidet. Letztendlich handelt es sich um einen Lappen (schließlich waren die Lungenbläschen nicht mit Luft gefüllt), der aus 2-3 ziegelartig angeordneten kleineren Lappen aufgebaut war.

 

Es folgten mehrere Herzen aus einem Eimer, die bereits präpariert worden waren. Ein Herz in der Hand zu halten war ein unglaubliches Erlebnis und plötzlich konnte ich nachvollziehen, weswegen Menschen Chirurgen werden möchten.

 

Wir fassten unter da Schlüsselbein, widmeten uns ausgiebig der Leber, einer stark vergrößerten Gallenblase und schauten uns die Darmschlingen an. Irgendwann in der Mitte bemerkte ich, wie ich den vor uns liegenden Körper mehr und mehr als Anschauungsobjekt betrachtete, nicht mehr als „verstorbenen Menschen“. Gleichzeitig erfüllte es mich mit Ehrfurcht, diesem Wunder der Natur so nah wie nur irgendmöglich zu begegnen und soviel darüber lernen zu dürfen. Besser, als Dank dieser großzügigen Spenden, kann man die Anatomie des Menschen einfach nicht lernen!

 

Nach etwa sieben Stunden habe ich die Anatomieführung mit viel Respekt und Dankbarkeit für diejenigen verlassen, die dieses Opfer freiwillig bringen und ohne die all die Aha-Erlebnisse, die wir heute hatten, nicht möglich gewesen wären. Mein Respekt gilt aber auch denen die, wie Herrn Müller, tagtäglich in die Tiefen unseres Körpers vordringen, um ihr Wissen mit uns Lernenden zu teilen.

 

 

Ein explizites Dankeschön geht an dieser Stelle aber auch an Herrn Müller und unserer Organisatorin in letzter Minute.

 

Lebt gesund,

Eure Eva

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